09.10.2026

Das virtuelle Netz: Damit die Energiewende schneller bei den Menschen ankommt

Gute Ideen, komplizierte Prozesse

Die Energiewende findet längst nicht mehr nur in großen Windparks und Solarparks statt. Auch Wohngebäude, Unternehmen und Quartiere werden zu Energiesystemen: Sie erzeugen Strom, speichern Energie und passen ihren Verbrauch zunehmend an das verfügbare Angebot an.

Damit entstehen neue Möglichkeiten. Mieterinnen und Mieter können Solarstrom vom eigenen Dach nutzen. Nachbarinnen und Nachbarn können gemeinsam erzeugte Energie teilen. Batteriespeicher, Elektroautos und Wärmepumpen können flexibler eingesetzt werden und das Energiesystem unterstützen.

Doch zwischen einer guten Idee und ihrer praktischen Umsetzung liegt häufig ein erheblicher Aufwand. Unterschiedliche technische Anforderungen, Datenformate und Prozesse der zahlreichen Verteilnetzbetreiber erschweren die Einführung neuer Energiedienstleistungen. Was in einem Netzgebiet funktioniert, lässt sich nicht ohne Weiteres auf ein anderes übertragen.

Das Ergebnis: Projekte verzögern sich, Kosten steigen und innovative Angebote erreichen weniger Menschen, als eigentlich möglich wäre.

Die Energiewende braucht deshalb nicht nur neue Technologien. Sie braucht auch einfachere Prozesse.

Die Lösung: eine einheitliche digitale Schnittstelle

Ein gemeinsames Positionspapier von elf Unternehmen und Organisationen aus der Energiewirtschaft schlägt dafür einen neuen Ansatz vor: das virtuelle Netz.

Die Idee dahinter ist, energiewirtschaftliche Prozesse, die der Zuordnung und Abrechnung von Strommengen dienen, auf einer zusätzlichen digitalen Dienstleistungsebene zu bündeln. Ein darauf spezialisierter Dienstleister könnte diese Aufgaben über viele Netzgebiete hinweg nach einheitlichen Standards übernehmen.

Statt für jedes Projekt individuelle Abläufe mit unterschiedlichen Netzbetreibern abstimmen zu müssen, könnten Energieunternehmen und andere Anbieter über eine standardisierte Schnittstelle arbeiten.

Wichtig dabei: Die physischen Verteilnetze bleiben bestehen. Auch die Aufgaben, die unmittelbar mit dem sicheren Betrieb der Netze zusammenhängen, verbleiben beim zuständigen Netzbetreiber. Das virtuelle Netz soll vielmehr dort ansetzen, wo energiewirtschaftliche Prozesse vereinfacht und vereinheitlicht werden können.

Das Ziel ist klar: vereinheitlichen, vereinfachen und beschleunigen.

Was bringt das für die Bürgerenergie?

Für Bürgerenergiegenossenschaften wie die BürgerEnergie Nord eG ist die Frage besonders relevant. Denn wir wollen Menschen vor Ort an der Energiewende beteiligen und ihnen ermöglichen, gemeinsam erneuerbare Energie zu erzeugen und zu nutzen.

Das virtuelle Netz könnte dafür wichtige Voraussetzungen schaffen.

Mieterstrom einfacher umsetzen

Mieterstrom ermöglicht es Bewohnerinnen und Bewohnern von Mehrfamilienhäusern, Solarstrom direkt vom Dach ihres Gebäudes zu nutzen. Damit dieses Modell funktioniert, müssen Erzeugung, Verbrauch, Messung und Stromlieferung korrekt aufeinander abgestimmt werden. Einheitliche Prozesse könnten die Umsetzung vereinfachen und Kosten senken.

Energy Sharing ermöglichen

Beim Energy Sharing wird gemeinsam erzeugter Strom innerhalb eines gesetzlich vorgesehenen Rahmens geteilt. So können Erzeugung und Verbrauch stärker miteinander verbunden werden. Das Positionspapier sieht im virtuellen Netz einen möglichen Weg, die dafür notwendigen energiewirtschaftlichen Prozesse praktikabler zu gestalten.

Kleine Anlagen besser in den Markt integrieren

Auch kleinere Erzeugungsanlagen, Batteriespeicher und flexible Verbraucher könnten profitieren. Einfachere Prozesse könnten neue Vermarktungsmöglichkeiten eröffnen und dazu beitragen, vorhandene Flexibilität besser für das Energiesystem nutzbar zu machen.

Damit eröffnet sich eine Chance, die über technische Vereinfachungen hinausgeht: Mehr Menschen könnten aktiv an der Energiewende teilhaben – unabhängig davon, ob sie ein eigenes Haus besitzen oder zur Miete wohnen.

Digitalisierung muss der Energiewende dienen

Das virtuelle Netz ist kein Selbstzweck. Entscheidend ist, ob es dazu beiträgt, innovative Energiedienstleistungen schneller, einfacher und wirtschaftlicher verfügbar zu machen.

Davon könnten verschiedene Akteure profitieren: Energiegenossenschaften, Stromlieferanten, Direktvermarkter, Messstellenbetreiber und Verteilnetzbetreiber. Standardisierte Schnittstellen könnten den Abstimmungsaufwand reduzieren und neue Angebote ermöglichen, ohne die Verantwortung für den physischen Netzbetrieb infrage zu stellen.

Das Konzept knüpft an Erfahrungen mit virtuellen Bilanzierungsgebieten an, die bereits in bestimmten Anwendungsfällen der Elektromobilität genutzt werden. Das Positionspapier schlägt vor, diesen Ansatz auf weitere Energiewendedienstleistungen zu übertragen.

Dafür braucht es klare Regeln, verlässliche Standards und einen geeigneten regulatorischen Rahmen. Denn eine technische Lösung allein reicht nicht aus, wenn die notwendigen Prozesse rechtlich und organisatorisch nicht entsprechend ausgestaltet sind.

Jetzt die Rahmenbedingungen für Innovation schaffen

Die Energiewende lebt davon, dass Menschen, Unternehmen und Genossenschaften neue Lösungen entwickeln und praktisch umsetzen. Doch wenn gute Ideen an unnötiger Komplexität scheitern, verliert die Energiewende Zeit – und die Gesellschaft Chancen auf mehr Teilhabe und ein effizienteres Energiesystem.

Politik und Regulierung können hier einen entscheidenden Beitrag leisten: Sie können die Voraussetzungen dafür schaffen, dass standardisierte, wettbewerbliche Dienstleistungen energiewirtschaftliche Prozesse vereinfachen und Innovationen schneller in die Anwendung bringen.

Als BürgerEnergie Nord eG setzen wir uns dafür ein, dass die Energiewende in Bürgerhand vorankommt. Das bedeutet auch, technische und regulatorische Hürden abzubauen, die gemeinschaftliche Lösungen unnötig erschweren.

Unser Ziel ist eine Energiewende, an der mehr Menschen teilhaben können. Dafür müssen wir nicht nur Energie neu denken, sondern auch die Prozesse, die ihre gemeinsame Nutzung ermöglichen.

Das gemeinsame Positionspapier lesen

Elf Unternehmen und Organisationen haben ihre Vorschläge im Positionspapier „Das virtuelle Netz: Eine einheitliche Schnittstelle zu 860 Verteilnetzbetreibern bundesweit“ zusammengeführt. Die unterzeichnenden Akteure könnten unterschiedlich nicht sein und zeigen: die ganze Energiebranche braucht Lösungen!

Das Papier erläutert das Konzept, beschreibt aktuelle Prozesshürden und zeigt mögliche Anwendungsfelder – von Mieterstrom und Energy Sharing über Batteriespeicher bis zum bidirektionalen Laden.

[Hier das Positionspapier als PDF lesen]

Gemeinsam können wir dafür sorgen, dass aus guten Ideen schneller gelebte Energiewende wird.